Abenteuer Ostgrönland

Mit Schlauchboot und Zelt in die Einsamkeit
von Prof. Dr. Gunther Franz

In diesem Jahr erfüllte sich für mich der länger als ein Jahrzehnt gehegte Traum einer Reise zu den Fjorden an der grönländischen Ostküste, allerdings nicht im Frühjahr mit Skiern und Hundeschlitten, sondern im Sommer mit Schlauchbooten. Leiter war der erfahrene Grönlandspezialist Dr. Christian Adler, der als Verhaltensforscher und Völkerkundler bei den Polareskimos in Thule gelebt, entlegene Erdteile erkundet hat und auch Reisen nach Kamtschatka und Patagonien durchführt.
Angeboten wurde die Grönlandtour gemeinsam von Polar-Travel und dem Summit Club des Deutschen Alpenvereins. Elf Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich und England. Manche hatten mehrfache Polarerfahrung, denn wer von der Arktis gepackt ist, fährt nach Möglichkeit immer wieder in die einsamen Landschaften des Nordens.

Die 50 000 Grönländer (die Selbstbezeichnung Inuit bezieht sich auch auf die Eskimos in Kanada und Alaska; viele Grönländer haben Blut von Weißen in sich) leben überwiegend im Südwesten der Rieseninsel. Daneben gibt es zwei isolierte Gruppen im Nordwesten (Thule) und an der Ostküste (Ammassalik oder Tasiilaq, beides ist derselbe Ort), die naturgemäß auch sprachlich unterschieden sind.
Die Eskimos an der Ostküste wurden erst vor etwa hundert Jahren entdeckt und in einer Siedlung zusammengefasst, um die Überlebenschancen zu erhöhen. Dazu gehören kleine Fischersiedlungen wie Kuumiut. 800 km nördlich gibt es neben dem riesigen Nationalpark noch eine einzige Siedlung (Scorebysund), so dass an der ganzen 3000 km langen Ostküste etwa 4500 Menschen leben. Grönland hat eine Selbstverwaltung ist aber auch noch an Dänemark gebunden.

Man fliegt von Frankfurt nach Keflavik auf Island. Nach Übernachtung in Reykjavik (was einen abendlichen Stadtrundgang erlaubt) fliegt man von dort mit einer kleinen Propellermaschine nach Kulusuk (Kap Dan, einem von den Amerikanern im Zweiten Weltkrieg angelegten Flugplatz auf einer Insel). Von dort geht es in einem spektakulären Flug mit einem Hubschrauber (als reguläre Fluglinie) über einen Gebirgszug und die Fjorde nach Tasiilaq. Wegen Nebel und Wind muss man für die Flüge Reservetage einplanen. Die Umgebung von Tasiilaq soll noch eindrucksvoller, zumindest unberührter sein als die Westküste (Disko Bay).

Wir hatten drei Schlauchboote mit Zweitakt-Außenbordmotoren, die durch Funk verbunden im Konvoi fuhren: ein großes Boot für fünf Personen und zwei kleinere. Zeitweise unterstützte uns ein grönländischer Fischer mit seinem Boot. Gezeltet wurde auf Wiesen am Meer, meistens bei einer Bachmündung. Notwendig waren bis zum Oberschenkel reichende Fischerstiefel, um die Boote ein- und auszuladen und auf aufblasbaren Rollen an Land (oberhalb des Bereichs von Ebbe und Flut) zu bringen. Da wir in vierzehn Tagen an sechs verschiedenen Plätzen zelteten, bekamen wir - auch beim Zeltaufbau - Übung.

Direkt unterhalb des Polarkreises war es wenige Tage nach der Sommersonnenwende die ganze Nacht über hell. Nachts um zwei Uhr ging die Sonne in einer rosa Farbenpracht hinter den Bergen unter, um zehn Minuten später weiter östlich wieder aufzugehen. So waren wir die ganze Zeit über von herrlicher Natur umgeben. Vom Zelt aus konnten wir einen Wal im Fjord schwimmen sehen. Polarfüchse umschlichen das Küchenzelt, um etwas zu fressen zu bekommen. Eisbären gibt es nicht; sie versuchen auf dem Packeis Beute zu erlangen.

Es kam mir vor, als wären die Alpen bis 2500 m überschwemmt und würden nur die Spitzen herausragen. Die Berge sind grün - weiß - grau (Moospolster mit Blumen, Firnfelder, die bis ans Meer reichen, und Millionen Granitsteine). Wege gibt es natürlich nicht, so dass man bei jedem Schritt aufpassen sollte; andererseits beschleicht einen die Frage, ob genau an dieser Stelle schon ein anderer Mensch seinen Fuß hingesetzt hat. Die Berge sind meistens namenlos. 1000 Meter über dem Meeresspiegel hat man - wie auch schon beim Aufstieg - herrliche Aussichten, da wir mit dem Wetter Glück hatten (es regnete nur an anderthalb Tagen).

Wir sind auch über einen Gletscher, zu einem Wasserfall oder zu Bergseen gegangen bzw. gestiegen. Die Hochtourenausrüstung haben wir aber zurück gelassen, da zu Wenige daran Interesse hatten. Eine Schweizer Bergsteigergruppe, die wir getroffen haben, hat höhere Berge erklommen, war ohne Boote aber in der Beweglichkeit sehr eingeschränkt.

Den Karalegletscher, der von drei Seiten in einen Fjord abbricht, haben wir von einem Gebirgsgrat von oben gesehen und von den Booten aus eingehend aus der Nähe betrachtet. Ebenso wie die Eisberge, die wie bizarre Skulpturen in den Fjorden oder am Rand des Atlantischen Ozeans (Ostgrönlandstrom) dahin treiben. Ein Donnergeräusch zeigte den Zeltenden an, dass ein Eisberg ab- oder auseinander gebrochen ist.

Unser Leiter ist nicht nur ein erfahrener Skipper, der auch bei bewegter See, Nebel und schlechter Sicht den Weg findet, sondern versteht es auch, auf einer einzigen Flamme abwechslungsreich und schmackhaft für zwölf Personen zu kochen. Frisches Gemüse gibt es leider nicht, dafür aber selbst geangelte Fische. Zum Abschiedsessen gab es noch eine großartige Lachsmahlzeit, die unsere beiden Frauen zubereiteten.

Die Blumen haben nur die beiden Monate Juli und August Zeit zum Blühen. Das sieht man daran, dass wir zu Beginn der Reise nicht wie geplant an einer besonders bunten Blumenwiese zum Zelten landen konnten, da vom letzten Winter (der besonders schneereich war) noch zu viel Schnee am Ufer lag. Vierzehn Tage später lagerten wir auch auf diesem malerischen Platz.


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