Abenteuer in Sibirien

Reise zu den Vulkanen Kamtschatkas
von Steffi und Kaule

Es war immer gleich - Wohin fahrt ihr denn dieses Jahr in den Urlaub?
Nach Kamtschatka? Wo ist denn das?
Nach Sibirien fahrt ihr, nach Russland in die Kälte – was wollt ihr denn da?

Kamtschatka ist für Naturfreunde, Abenteurer, Wanderer, Alpinisten und sicherlich auch für Skifahrer ein Reiseziel aller erster Güte - leider jedoch sehr, sehr weit weg von Mitteleuropa. Dieses hintersibirische Anhängsel an Russland ist nicht wirklich komfortabel zu erreichen und zu bereisen. Schon die Anreise ist ein Ereignis. Man erlebt einen der längsten Inlandsflüge, die es überhaupt gibt. Von Moskau aus geht es auf einem 9-Stunden-Non-Stop-Flug über das Eismeer und Nordostsibirien an das andere Ende des riesigen Russland - aus großer Höhe eine faszinierende Landschaft, am Boden wird man das vermutlich anders empfinden.

Kamtschatka ist zu Radfahrern - auch zu solchen wie uns, die doch einiges gewohnt sind - nicht besonders freundlich. Das nicht nur, weil es nur eine einzige ca. 1000 km lange Nord-Süd-Holperpiste gibt, sondern weil Sibirien eben nur sehr dünn besiedelt ist - dafür aber
voller Bären. Zwischen den vielen touristischen Höhepunkten der Halbinsel ist immer erst mal endlose Taiga und Tundra zu durchqueren.
Das ganze nördliche Drittel dieser Wildnis ist für Touristen, die nur Urlaub machen, so gut wie unpassierbar. Auch der tiefe Süden ist ohne Hubschrauber nur schwer zu erreichen. Wir haben eine 10jährige Tradition gebrochen und tauschten in diesem Jahr die Räder gegen Wanderschuhe.

Dieses tolle Abenteuer haben wir bei polar-travel.com gebucht und wurden bei den Vorbereitungen von Herrn Dr. Adler, hervorragend betreut und beraten. Vom 03.07 bis zum 23.07.2010 bereisten wir den mittleren Teil dieser Halbinsel von der Größe Deutschlands.

Zusammen mit uns reisten acht weitere deutsche Touristen, ein deutscher Reiseleiter von Wigwam und vier russische Begleiter. Lena hat als Dolmetscherin für uns die Sprachbarrieren überwunden, Natalia zeigte uns die hervorragende russische Küche, Vitala führte uns durch die Wildnis und auf die
Vulkane und Sascha fuhr unseren Reisebus, einen Kamas – LKW. Der Bus war die erste echte Überraschung der Reise. Erwartet hatten wir einen umgebauten LKW mit Holzpritschen – gereist sind wir in einer großzügigen Kabine mit Reisesesseln und einer Klimaanlage. Des öfteren wurde auf den teilweise recht lange Strecken die extreme Geländegängigkeit des Kamas, Saschas fahrerisches Können und unsere Rückenmuskeln gefordert. Der Kamas blieb in der Tundra tatsächlich einmal im tiefen Schnee stecken und wurde von uns freigeschaufelt - es war ca. 25 Grad warm.
Von der faszinierenden Natur und den gastfreundlichen Menschen
Sibiriens waren wir einfach nur begeistert. Keines der klischeehaften
Vorurteile gegenüber Sibirien und „den Russen“ hat sich bestätigt. Es
war mit über 20 Grad am Tage ausgesprochen warm und bis auf zwei Tage
auch trocken. Nur die Mücken waren in manchen Gegenden lästig, mit der
entsprechenden Ausrüstung war dies aber kein Problem. Die russischen
Partner haben die Reise perfekt, immer pünktlich und sehr engagiert durchgeführt. Wir wurden hervorragend versorgt und gefahren.

Unsere Reise war überaus abwechslungsreich. Nach einer 700 km Fahrt über Schotterpisten erreichten wir das Dorf Esso, eine schön gelegenes Wintersportzentrum, etwa in der Mitte von Kamtschatka. Wir nächtigten in einem recht komfortablem Hotel mit einer bemerkenswert aufwendigen aber vollkommen geschmacklosen Ausstattung. Vermutlich fühlen sich im hoteleigenen Thermalpool die neureichen Russen nach ihrem zweifelhaften Heli-Ski Vergnügen sehr wohl. Wir zogen diesem, einer Abenteuerreise eher unangemessenen Luxus, das mitten im Ort gelegene öffentliche Thermalbad der normalen Menschen vor.
Eine recht abenteuerliche Fahrt durch sehr dichten Birkenwald und
einigen Flussdurchfahrten führte uns in die Nähe des ca. 2.700m hohen
Vulkans Tolbachik. Den bestiegen wir in einem siebenstündigen Marsch,
hinunter ging es etwas schneller. Übernachtet haben wir in unseren
Zelten neben einer schon nicht mehr als Unterkunft zu bezeichnenden
ehemaligen Geologenstation. Die gerade noch als rustikal zu
bezeichnenden Hütten werden trotzdem noch gern von Touristen als Schlafraum und Küche genutzt. Die Gegend ist durch die Sicht auf mehrere Vulkane und Gebirgsketten sowie die deutlichen Spuren der Zerstörungen des letzten Ausbruches des Tolbachik sehr beeindruckend. Den "neuen Tolbatschik" haben wir auch noch mitgenommen und konnten dort das erste Mal auf der Reise aktiven Vulkanismus ganz nahe sehen.

Eine Nacht kampierten wir im „toten Wald“. Dieses Gebiet ist im Jahre 1995 bei einem Ausbruch des neuen Tolbachik total entlaubt worden aber eigenartiger Weise nicht verbrannt – es blieben nur Baumstümpfe und Boden aus schwarzer Asche. Man kann sehr gut beobachten wie die Natur seither mühsam versucht das Gebiet wieder zu begrünen. Über eine nicht den Menschen anzulastende Umweltzerstörung so gewaltigen Ausmaßes ließ es sich am Lagerfeuer trefflich philosophieren.
Den Karten nach könnte das malerisch am Kamtschatkafluss gelegene Dorf Kosyrevsk eine der letzten größeren Siedlungen vor dem ca. 3.000 km entfernten Nordpol sein. Ein russisches Dorf wie dem Bilderbuch. In der Banja einer kleinen Pension mit Übernachtungshütten konnten wir uns von der Asche der Vulkane befreien. Zu einem Bad in heißen Quellen gab es während der Reise öfter die Gelegenheit.
Von der Mitte Kamtschatkas ging es an drei Tagen mit Schlauchbooten auf dem Fluss Bystraja bis in die Nähe der Westküste. Drei Tage pure Natur, kein Zeichen menschlicher Zivilisation – ein ganz besonderes
Erlebnis. Während der Bootsfahrt wurden Lachse, Forellen und Saiblinge geangelt, von Nadja zubereitet und gemeinsam verzehrt. Fangfrischen Kaviar bekommt man nicht jeden Tag. Die Zeltübernachtungen am
steinigen Flussufer waren wegen der vielen Bärenspuren direkt im Lager recht unheimlich. Dies ließ uns am Lagerfeuer unter einem tollen Sternenhimmel und bei einem Gläschen Wodka lange wach bleiben.
Im weiteren Verlauf der Tour haben wir insgesamt noch drei weitere, für uns Flachländer ausreichend hohe, Vulkane bestiegen. Der in der Nähe Petropavlovsk gelegene 2.751m hohe Vulkan Avacha zeigte sich uns beim Aufstieg sehr unfreundlich. Er versuchte sich mit einem Schneesturm und vereisten Stellen gegen uns zu wehren, was ihm aber nur teilweise gelang.

Zwei südlich von Petropavlovsk gelegene Vulkane zeigten sich viel freundlicher, dafür aber sehr eindrucksvoll dampfend und zischend. Besonders der 2323 m hohe Mutnowskij. Der Blick vom nächtlichen Zeltcamp auf den erst seit ein paar Wochen wieder rauchenden Gorelyi bleibt unvergessen. Auch diesen Vulkan haben wir in einem mehrstündigen Marsch gefahrlos bestiegen und konnten dann am Kraterrand einen Blick in des Teufels Kochtopf werfen - ein grandioses
Schauspiel.
Wegen eines früheren Vulkanausbruches und dessen zerstörerischen Folgen, vor allem aber wegen der Wucherpreise, welche ein neureicher russischer Oligarch, nach der Einverleibung aller konkurrierenden
kleinen Unternehmen, für einen Hubschrauberflug in das "Tal der Geysire" verlangt, wollten und konnten wir diese größte Attraktion Kamtschatkas leider nicht besuchen. Die Fahrzeugpiste wurde vom Vulkan
verschüttet und für den Fußmarsch benötigt man eine Woche mehr Urlaub und bestimmt auch eine andere Ausrüstung
Nachdem wir alle schon etwas entmutigt waren, sahen wir beim letzten Camp dann endlich auch die riesigen Kamtschatka - Bären. Sie waren recht nahe an den Zelten und uns wurde etwas mulmig als wir zwischen eine ausgewachsene Bärenmutter und deren zwei recht neugierige Jungbären kamen. Die ca. 100 kg schweren „Kleinen“ fanden uns wohl ganz interessant, deren Mutter sah das offensichtlich ganz anders. Vitala hatte uns schon zu Beginn der Reise sehr sachkundig über das richtige Verhalten in solcher Situation unterwiesen – eine Gefahr für uns bestand nicht
Überrascht war ich von der Schönheit aber auch der Unwirtlichkeit des Taigawaldes. Da dieser Wald wegen des enorm dichten Unterholzes -außer auf den Bärenpfaden - kaum zu betreten ist, konnten wir die riesigen Steinpilze, die dort in Massen wuchsen, nur am Wegesrand sammeln. Mir scheint nach dieser Erfahrung, dass der tropische Regenwald gegenüber der nordostsibirischen Taiga ein wahrlich
angenehmer Aufenthaltsort ist.

Was die einzig größere Stadt auf Kamtschatka angeht - sie heißt Petropavlovsk - so hat uns da doch einiges überrascht. Einem Ehepaar unserer Gruppe wurde von Aeroflot empfohlen das Gepäck von Dresden aus doch gleich bis Petropavlovsk durchzuchecken.... Hätten Sie nur auf Dr. Adler gehört! Die ganze Ausrüstung für die Expeditionsreise blieb beim Zoll in Moskau hängen und beide sind mit leichtem Handgepäck, darin aber immerhin etwas zum Lesen, auf Abenteuerurlaub nach Fernost gereist. Irgendeine Aussicht, noch vor Ende der Reise an das Gepäck zu kommen, bestand nicht. Man soll es kaum glauben: Es war möglich am Sonntagnachmittag in Petropavlovsk alles was Nötige neu zu kaufen. Das waren nicht irgendwelche alten Bestände der roten Armee, sondern die uns hier wohl bekannten Markenartikel - und die auch noch echt (jedenfalls sehr wahrscheinlich). Selbst die Preise waren noch bezahlbar. In Petropavlovsk gab es sogar sehr seltene ostdeutsche Biersorten zu kaufen. Das war dann nicht mehr so richtig überraschend.

Lehrreich sind in Petropavlovsk die Auswirkungen ungezügelter Privatisierung von Wohnraum zu betrachten. Von dieser Fehlentscheidung - und auch von allgegenwärtiger grell bunter Reklame - wird das Stadtbild leider an vielen Stellen verschandelt. Wahrscheinlich hat man die Wohnungen in den sowjetischen Plattenbauten einzeln verhökert. Vom satten Profit russischer Wendegewinner blieb für eine Hausverwaltung offensichtlich kein Geld übrig. Wer es sich von den vermutlich zwangsweise vom Mieter zum Eigentümer konvertierten Bewohnern leisten kann, baut sich Thermofenster ein und dämmt sein eigenes Stück der Fassade. Sein armer Plattenbaunachbar klebt Zeitungen ans kaputte Einfachfenster oder steckt das Ofenrohr seines Kanonenofens durch eine Blechplatte. In hässlichen Betonburgen kann man hinter verrosteten Blechtüren Geschäfte finden, die sich vom Angebot und der Aufmachung her nicht hinter unseren deutschen Nobelgeschäften verstecken müssen.
Schade um so eine Stadt in wirklich wunderschöner Lage.

Die schöne Wasserseite der Stadt erkundeten wir am letzten Tag der Reise mit einer Ausflugs- und Angelfahrt von einem kleinen Kutter aus. Von der heimlichen aber nicht mehr geheimen Attraktion dieser Bucht sahen wir - vielleicht zu unserem Glück - nichts. In der Avachabucht ist ein Teil der russischen Atom-U-Bootflotte stationiert.

Unsere Reise war ein tolles Erlebnis und erfüllte alle unsere Erwartungen. Dieses fernöstliche Abenteuer ist nicht als Billigreise zu bekommen. Das Preis-Leistungsverhältnis ist aber angemessen. An Mehrkosten über den veranschlagten Reisepreis hinaus entstand nur der von uns gern gegebene Obulus an unsere russischen Betreuer. Auf dieser Reise gab es für uns nichts zu beanstanden.


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